Wenn Deutschunterricht lebendig wird, kann der Klassenraum schon mal zum Gerichtssaal werden. Die 11c führte eine fiktive Gerichtsverhandlung zum Drama „Emilia Galotti“ durch. Merle berichtet hier von den Erfahrungen als Gerichtsreporterin, Jordis gibt Einblicke über eine Zeichnung.
Guastalla, 7. Februar 1772
Spannung und Aufregung liegen in der Luft, als die Türen des Gerichtssaals sich öffnen. Auf der Anklagebank sitzt der bürgerliche Odoardo Galotti, der am Vortag seine eigene Tochter Emilia, eine fromme, tugendhafte junge Frau, im Lustschloss des Prinzen erstach. Doch war es Mord oder ein verzweifelter Akt in der Gesellschaft? Wer ist wirklich schuld an Emilias Tod?
Zu Beginn der Verhandlung herrscht gespannte Ruhe. Die Richter nehmen ihre Plätze ein, während Odoardo still, fast starr wirkt.
Die Anklage tritt entschlossen auf: Odoardo wird vorgeworfen, mit klarem Kopf & Verstand, kaltblütig gehandelt zu haben. „Ein Vater, der das Leben seiner Tochter beendet, nur um die Ehre der Familie zu retten“, ruft eine Staatsanwältin in den Raum.
Die Verteidigung hingegen stellt Odoardo als Opfer der Gesellschaft dar. Ein Mann, der seine Tochter nach ihrer Aufforderung erlöste und ihr die Möglichkeit gab, noch in den Himmel zu kommen. „Nicht Odoardo ist schuld, sondern der Hof, von dem alles ausging“, entgegnet ein Verteidiger.
Nacheinander treten die Zeugen auf.
Claudia Galotti, die Mutter, glaubt, es handelt sich um eine Verschwörung und verweist auf die letzten Worte des ermordeten Grafen: „Marinelli“. Trotz Meinungsverschiedenheiten ist sie überzeugt davon, dass Odoardo ein guter und besorgter Vater für Emilia war.
Marinelli, der Vertraute des Prinzen, widerspricht Claudia überzeugend in diesem Punkt. Bei der Frage an ihn, ob er alles für den Prinzen machen würde, weicht er mit der knappen Antwort, dass der Prinz nun mal die höhere Macht sei, aus.
Gräfin Orsina, einst Geliebte des Prinzen, lässt große Anspannung im Saal entstehen. Mit selbstbewusster Stimme betont sie: „Der Prinz ist schuld! Seine Intrigen müssen aufgedeckt werden.“ Sie gibt zu, dass sie Odoardo die Mordwaffe übergab, diese aber für den eigentlichen Täter, den Prinzen gedacht war.
Mit jeder Aussage nimmt die Unruhe zu. Staatsanwälte, Richter und Verteidiger beginnen sich gegenseitig zu unterbrechen und rufen in den Saal hinein.
Die Verteidigung spricht davon, dass der Prinz Emilia schon vorher seelisch tötete und Emilia letztendlich selbst über ihren physischen Tod entschied.
Als Odoardo schließlich selbst auf dem Zeugenstuhl sitzt, ist der Saal ruhig und wartet gespannt seine Antwort ab. Doch in diesem Moment bekommt der Angeklagte keine klaren, sicheren Worte heraus und bestätigt nur seinen Schock.
Nach langen Beratungen kommt es zur Verkündung des Urteils. Doch die Richter kommen zu keinem Entschluss und sind davon überzeugt, dass Odoardo eine psychische Untersuchung benötigt, bevor ein Urteil getroffen werden kann. Im Saal entsteht eine gemischte Stimmung aus Verständnis und Entsetzen. Die Verhandlung endet. Doch die Frage, die alle bewegt, bleibt weiterhin offen: Ist Odoardo ein Mörder oder auch nur ein Opfer einer verdorbenen Gesellschaft?
Nina Reinecke, 10.11.25