Unsere Geschichte des Wohnens in Linden-Limmer


Wir, das sind John, Karlotta, Mats und Tim aus der 7c des Gymnasium Limmer, haben uns mit der Geschichte des Wohnens im Umfeld unserer Schule beschäftigt. Unsere Schule liegt direkt zwischen den Stadtteilen Linden und Limmer, wo auch ein Großteil unserer Schulgemeinschaft wohnt.

Durch Recherchen im Kartenspeicher der Verbundzentrale des GBV konnten wir durch den Vergleich einer Karte aus dem Jahr 1840 mit einer aktuellen Karte herausfinden, dass an dem heutigen Standort unserer Schule höchstwahrscheinlich noch der Flusslauf der Leine war, welcher im Laufe der Zeit begradigt wurde. Limmer war um 1840 noch eine kleines Dorf und der heutige Stadtteil Linden-Nord noch das Nedder Feld, auf dem Landwirtschaft betrieben wurde.

Ausschnitt einer Karte der Stadt Hannover aus dem Jahr 1840 mit Angabe des heutigen Standorts des Gymnasium Limmer
(Von Kartenspeicher des GBV) im Vergleich zur heutigen Bebauung (Von OpenStreetMap contributors – OpenStreetMap data exported an adapted by myself, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7033351)

Im 19. Jahrhundert siedelten sich zur Zeit der Industrialisierung immer mehr Firmen in Linden und Limmer an, sodass auch eine Vielzahl von Wohnhäusern entstanden sind, in denen vor allem Arbeiterfamilien wohnten, die in den Fabriken arbeiteten. Wir konnten herausfinden, dass Karlottas Familie im Jahr 1912 ein Haus in Linden-Nord gebaut hatte, welches immer noch im Familienbesitz ist. Das Haus steht in der heutigen Wilhelm-Bluhm-Straße. Das Haus ist also über 110 Jahre alt. Und wir möchten Euch nun die Geschichte dieses Wohnhauses vorstellen.

Fotografie des Hauses der Familie Wesch in der Wilhelm-Bluhm-Straße aus dem Jahr 1912

Warum ist die Straße nach Wilhelm Bluhm benannt?

Wilhelm Bluhm wurde 1898 im heutigen Stadtteil Linden geboren und war als SPD-Mitglied ein Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten. Wilhelm Bluhm war Teil der Widerstandsbewegung Sozialistische Front. 1936 wurde er von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) der Nationalsozialisten verhaftet und nach einer längeren Haftstrafe in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, wo er im Juli 1942 verstarb. Die ehemalige Gummistraße von 1885 in Linden-Nord wurde 1950 ihm zu Ehren in Wilhelm-Bluhm-Straße umbenannt. Wilhelm Bluhm hatte neun Geschwister und wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Sein Vater war gelernter Metallarbeiter. Wilhelm Bluhm erlernte bei der Hannoverschen Maschinenbau AG (Hanomag) in Linden das Schlosserhandwerk. Die Familie Bluhm ist also ein Beispiel für die Entwicklung des Stadteils Linden-Limmer als Arbeiterviertel.

Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs

Als Reaktion auf die kriegerische Politik und die menschenverachtende Terrorherrschaft der Nationalsozialisten flog die alliierte Luftwaffe am 18. Oktober 1943 diverse Luftangriffe auf die Stadt Hannover. Zwischen 19:26 Uhr und 21:17 Uhr wurden 332 Bomben auf Hannover abgeworfen, da es über Hannover aber wolkig war, wurden die Bomben weit verstreut und trafen vor allem auch die Stadtteile Linden und Limmer. Bei dem Angriff starben ca. 150 Menschen, viele wurden schwer verletzt und um die 7.000 Menschen wurden obdachlos. Viele Wohnhäuser und Fabriken wurden zerstört und fast 300 Häuser schwer beschädigt. So wurde auch das Haus der Familie Wesch in der Wilhelm-Bluhm-Straße zur Hälfte zerstört. Das hier zu sehende Bild ist das Haus nach dem Angriff.

Fotografie der Familie Wesch von den Zerstörungen des Wohnhauses aus dem Jahr 1945

Wir führten auch ein Interview mit Ernst Wesch, der im Jahr 1938 in dem Haus geboren wurde und das Leben nach dem Bombenangriff beschreibt. So konnten wir erfahren, dass die Bewohner*innen also auch in dem zerstörten Haus weiter wohnten.

Interview mit Ernst Wesch über das Wohnen in der Wilhelm-Bluhm Straße 43 nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach Ende der Evakuierung 1946 lebten zwei Familien ca. 4 Jahre in dem zerstörten Haus, wie Ernst Wesch berichtet. Sie lebten in sehr schweren Verhältnissen, doch verbindet Ernst Wesch mit dieser Zeit vor allem positive Erinnerungen als Kind. Das gesamte Haus hatte nur ein kleines Badezimmer, sodass viele Menschen auf engstem Raum wohnten. Viele aus dem Haus sind natürlich ausgezogen, weil die allgemeinen Verhältnisse nicht gut waren. Es wurden in dieser Zeit gerade auch in Linden und Limmer viele obdachlos.

Wiederaufbau der Wilhelm-Bluhm-Str. 43

Interview mit Ernst Wesch über den Wiederaufbau des Wohnhaus in der Wilhelm-Bluhm Straße 43

Das Haus wurde erst ab 1950 wieder aufgebaut und wurde im Laufe der Jahre immer wieder verändert. In einem Wiederaufbauvertrag von Ernst Wesch aus dem Jahr 1963 ist zu erkennen, dass die Familienmitglieder die Wiederaufbaukosten anteilig bezahlt haben. Die Kosten der Baugenehmigung bei den Wiederaufbaukosten beliefen sich auf 650 DM (Deutsche Mark), woran zu sehen ist, dass früher nicht mit dem Euro bezahlt wurde. Ende der 1950er Jahre wurde das Haus den neuen Wohnbedingungen angepasst und umgebaut.

Dokument über die Rückerstattung der von Herrn Ernst Wesch während der Bauzeit ausgelegten anteiligen Kosten von 1963

In dem Mietspiegel der Stadt Hannover kann man sehen, dass die Mieten heute bei ungefähr 7 € pro m² liegen. Für eine Wohnung der Größe von ca. 61 m² in dem Haus, wie in der Zeichnung unten zu sehen ist, wären das ungefähr 430 € Miete. Die Mieten sind heute allerdings oft deutlich höher. Die damaligen Mieter*innen bezahlten 153,10 DM, also mit ungefähr 335 € nach Berechnung der deutschen Bundesbank deutlich weniger für eine größere Wohnung mit 2 Stuben. Wohnen in Linden-Limmer ist also deutlich teuerer geworden.

Ausschnitt aus einem Schreiben zur Mieterhöhung vom 30. April 1963

Zudem kann man durch die Beschreibung der Nutzung der Räume als Stube oder Wohnzimmer im Grundriss erkennen, dass die Wohnungen nicht mehr als Arbeitsplatz verwendet wurden, wie es oftmals im 19. Jahrhundert noch war. Die Arbeiterwohnungen in Linden und Limmer waren daher vor allem Wohnräume, da die Menschen in den nahen Fabriken arbeiteten.

Grundriss einer Wohnung der Wilhelm-Bluhm-Straße 43 aus dem Jahr 1952

Wie ist das Wohnen heute?

Aktuell sind die Stadtviertel Linden und Limmer sehr beliebt bei jungen Familien und Studierenden. Die Umgebung unserer Schule zeichnet sich durch Menschen aus, die aus vielen verschiedenen Teilen der Welt kommen und hier zusammen leben und wohnen. Diese Entwicklung ist auch bereits durch die Erzählungen von Katrin Wesch zu erkennen, die während Ihres Studiums in der Wilhelm-Bluhm-Straße wohnte. In Linden und Limmer gibt es heute viele verschiedene Läden und Geschäfte, in denen man fast alles bekommt. Auch die nahen Flüsse Ihme und Leine bieten viel Raum für die Natur mitten in der Stadt.

Interview mit Katrin Wesch über das Wohnen in der Wilhelm-Bluhm-Straße 43

Bei weiteren Umbauarbeiten wurde schließlich die Fassade verändert und es wurden größere Fenster eingebaut, die mehr Licht in die Wohnung bringen sollten. Nur im Eingang des Hauses sind noch die Verzierungen des ursprünglichen Gebäudes zu erkennen, die an die lange Geschichte des Hauses erinnern.

Bild vom Haus in der Wilhelm-Bluhm-Straße im Oktober 2022

Bei der Ausarbeitung unserer Internetseite haben wir folgende Informationsquellen benutzt:

Diese Seite wurde von Mats Keskinen, John Röhl, Tim Sender und Karlotta Wesch (Klasse 7c) unter Mithilfe vom Tutor Dr. Daniel Milch im Zuge des Geschichtswettbewerbs für den Bundespräsidenten erstellt.